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Maradonas bayerisches Problem

Martin Demichelis kennt das deutsche Team so gut wie kein anderer Argentinier, seit Jahren spielt der Verteidiger beim FC Bayern. Nun trifft er im Viertelfinale auf seine Mannschaftskollegen. Für Trainer Diego Maradona könnte er so zum wichtigsten Mann werden - oder am Druck zerbrechen.

Er hatte sich so viel vorgenommen - und dann das. Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit im Gruppenspiel gegen Südkorea, der Ballverlust gegen Chung Yong Lee, das Gegentor. Plötzlich führte Argentinien kurz vor der Pause nur noch 2:1 gegen den Außenseiter aus Asien - und Martin Demichelis Traum von einer erfolgreichen WM-Teilnahme drohte zum Alptraum zu werden.

"Ich habe mir heute die Wut von 40 Millionen Argentiniern zugezogen", sagte der Abwehrspieler nach der Partie, die seine Mannschaft am Ende locker 4:1 für sich entschied. Minuten zuvor hatte ihm Trainer Diego Maradona an der Seitenlinie tröstend über den Kopf gestrichen. Maradona weiß um das sensible Gemüt seines Verteidigers. Und er braucht einen mental starken Abwehrchef im Viertelfinalduell gegen Deutschland am Samstag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Sieben seiner FC-Bayern-Teamkollegen hat DFB-Trainer Joachim Löw mit nach Südafrika gebracht, den Rest der deutschen Mannschaft kennt Demichelis nach sieben Jahren in der Bundesliga zur Genüge. Ihm ist jeder Trick, jede Bewegung von Thomas Müller oder Miroslav Klose aus zahllosen Trainingsduellen vertraut. Er weiß aus dem Ligabetrieb, wie schwer Mesut Özil oder Sami Khedira zu kontrollieren sind. Mit dieser Erfahrung könnte er zu Maradonas wichtigsten Mann in der Defensive werden.

Wie sehr sich Demichelis die eigenen Fehler zu Herzen nimmt, zeigte seine Analyse des Südkorea-Spiels. "Eigentlich habe ich besser gespielt als in der ersten Partie. Doch dann habe ich diesen Fehler gemacht, der meine Leistung beschmutzt hat." Es klang, als habe er sein Team um den Sieg gebracht. Auch das zweite und bisher letzte Gegentor der Argentinier gegen Mexiko ging auf seine Kappe.

Für Demichelis ist der Einsatz bei der Endrunde in Südafrika eine emotionale Angelegenheit, noch emotionaler als für den Rest des Teams. Was beim Wirbel um Stars wie Lionel Messi oder Gonzalo Higuain - und der Choreographie Maradonas an der Seitenlinie - einiges heißen will. Zum ersten Mal vertritt Demichelis sein Land beim wichtigsten Fußball-Turnier der Welt. Und das im fortgeschrittenen Sportleralter von 29 Jahren.

Bittere Enttäuschung vor der WM in Deutschland

Schon einmal stand er kurz vor dem Sprung in den WM-Kader und wurde bitter enttäuscht. Wenige Wochen vor der Endrunde 2006 hatte ihn der damalige argentinische Nationaltrainer José Pekerman aus dem Aufgebot gestrichen. Eine Entscheidung, die Demichelis zusetzte. "Es ist nicht nur so, dass ich keine Lust mehr zum Spielen habe. Ich habe keine Lust mehr zum Leben. Wer mich kennt, weiß, dass ich mein Leben ganz diesem Beruf gewidmet habe. Ich habe weder Lust zu verreisen noch auf irgendwas. Diese Nachricht hat mich schwer getroffen", sagte der damals 25-Jährige.

Dabei hätte das Turnier in Deutschland seine Weltmeisterschaft werden sollen. In den Stadien, die er kennt. In dem Land, in dem er zum Nationalspieler gereift ist. Seit 2003 verdient Demichelis sein Geld beim FC Bayern, gewann vier Meisterschaften und ebenso oft den Pokal. Doch trotz dieser Erfolge erwies sich der Argentinier nicht immer als pflegeleicht. Zwei Jahre brauchte er, um sich einen Stammplatz zu erkämpfen. Zwischendurch spekulierte er frustriert über einen möglichen Vereinswechsel.

Auch beim FC Bayern nicht mehr unumstritten

Den Durchbruch schaffte der gelernte Innenverteidiger schließlich als defensiver Mittelfeldspieler - und hatte von dieser Position nach drei Jahren genug. 2008 wagte Demichelis den öffentlichen Disput mit dem damaligen Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld, als er sich weigerte, gegen Cottbus als "Sechser" aufzulaufen. Es folgte eine Suspendierung, Schuldzuweisungen über die Medien und schließlich die Versöhnung.

Seitdem spielt Demichelis wieder beinahe ausschließlich in der Innenverteidigung. Unumstritten ist er spätestens seit dem Champions-League-Finale gegen Inter Mailand jedoch auch im Verein nicht mehr. Gegen seinen Nationalmannschaftskollegen Diego Milito zeigte der 1,84-Meter-Mann die gleichen Schwächen, die ihn für Argentinien zum Risikofaktor machen. Zu langsam und mit Mängeln im Stellungsspiel hatte er entscheidenden Anteil am ersten Treffer der Italiener. Trotzdem gilt Demichelis bisher bei Bayern und vor allem im Nationalteam als gesetzt.

Böses Blut nach der Verletzung im Testspiel

Eine persönliche Rechnung ist schließlich noch aus dem letzten Testspiel der beiden Mannschaften offen. Im März gastierte Argentinien in München, Deutschland unterlag 0:1. Damals prallte Demichelis im Zweikampf mit Kapitän Michael Ballack zusammen und verletzte sich schwer im Gesicht. Wegen Brüchen des Augenhöhlenbogens, des Jochbeins und des Oberkiefers fehlte er den Bayern wochenlang und musste später mit einer Gesichtsmaske auflaufen.

Demichelis beklagte hinterher, der ehemalige Münchner Teamkollege habe sich nicht einmal nach seinem Gesundheitszustand erkundigt. Das direkte Duell mit dem verletzten Ballack fällt zwar aus, aber auch so dürfte Demichelis hochmotiviert in die Partie gehen.

Vor dem Viertelfinale stehen beide Mannschaften unter enormen Druck. Martin Demichelis weiß vor dem wohl wichtigsten Spiel seiner Karriere: Er kann mit seinem Insider-Wissen die Partie für Argentinien mitentscheiden. Unterläuft ihm aber gegen Deutschland ein weiterer Fauxpas in der Defensive, könnte er sich das wohl nie verzeihen.

 

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